Klassik trifft Live-Elektro: Das Konzert der jnp in der Arena Berlin

Wie reagieren Konzertbesucher, wenn man ihnen die Möglichkeit bietet, aus ihrer passiven Zuhörerrolle auszubrechen? Diese Frage war einer der Ausgangspunkte für die Konzeption unseres Konzerts „111 Musiker“, das am Sonntagabend in der Arena Berlin nicht nur auf die Bühne, sondern in die ganze Halle gebracht wurde.

Bevor das Orchester das Konzert in der komplett abgedunkelten Halle mit den kraftvollen Rhythmen der Symphonic Dances aus der West Side Story eröffnete, platzierten sich die Zuschauer entweder wie gewohnt in den Stuhlreihen oder bewegten sich über die Tanzfläche, die wir vor der trapezförmigen Bühne angelegt hatten. Die letzten Takte des Stücks gingen schließlich ohne Pause und fein abgestimmt über in die ersten Klänge des Live-Elektro-Sets von Julian Maier-Hauff. Die Bässe ließen den Boden vibrieren und in den Gesichtern der Konzertbesucher war die Suche nach Orientierung zu erkennen. Viele sahen sich um und versuchten zu verstehen: Was kann ich jetzt tun, was ist meine Rolle als Zuschauer?

Und genau dazu wollte die junge norddeutsche philharmonie die Konzertbesucher an diesem Abend bewegen. Sie sollten nicht für zwei Stunden in Reihe fünf auf Platz zwölf sitzen, am Ende kräftig applaudieren und dann nach Hause gehen. Jeder Besucher war eingeladen, selber seine Rolle in dem Konzert zu finden. In der Mitte der Tanzfläche auf dem Boden liegen und die Musik genießen, durch die Halle wandern und den unterschiedlichen Klang wahrnehmen, in der ersten Reihe sitzen und jede Handbewegung des Dirigenten studieren oder an der Bar stehen und das Spektakel aus der Ferne genießen – all das war möglich. So bekommt jeder Konzertbesucher die Gelegenheit, selber zu entscheiden, wie und wo er die Musik auf sich wirken lassen möchte und zwar nach seinen ganz individuellen Bedürfnissen.

Julian Maier-Hauff entwickelt seine Elektro-Sets live - inspiriert von der Musik der jungen norddeutschen philharmonie.
Julian Maier-Hauff entwickelt seine Elektro-Sets live – inspiriert von der Musik der jungen norddeutschen philharmonie.

Während des ersten Live-Elektro-Sets verteilten sich die Musiker für das Raumkonzert, das im Mittelpunkt des Konzerts stand, in acht Gruppen in der Halle. Die Besucher folgten den Musikern, die mit musikalischen Clustern die Halle von unterschiedlichen Orten komplett mit Klang füllten. Das Ergebnis waren zahlreiche Klanginseln, die durch die Halle zu schweben schienen und sich zu einem Frage-Antwort-Spiel zwischen dem Sound der Blechbläser und den elektronischen Klängen von Julian Maier-Hauff steigerten, um schließlich in das zweite Live-Elektro-Set zu münden.

Nach einem fließenden Übergang zwischen dem Live-Elektro-Set und Strawinskys Feuervogel ertönte schließlich die Zugabe des Abends. Die Musiker der jnp hatten dazu im Vorfeld gemeinsam mit Julian Maier-Hauff Cues (musikalische Bausteine) erarbeitet. Nun reagierte das Orchester spontan mit diesen Cues auf Zeichen des Dirigenten Alexander Shelley während Julian Maier-Hauff live ein Elektro-Set dazu entwickelte. Der Enthusiasmus, die Neugierde und das große Talent, das alle jungen Musiker bei der Entwicklung und Umsetzung dieses innovativen Konzertformats bewiesen, sind bemerkenswert und waren die Basis für eine mit ausgiebigem Applaus des Publikums belohnte Konzertnacht.

Der Dirigent Alexander Shelley signalisiert dem Orchester den Einsatz der vorbereiteten Cues.
Der Dirigent Alexander Shelley signalisiert dem Orchester den Einsatz der vorbereiteten Cues.

Orchester stehen in der Verantwortung auch Personen in den Konzertbetrieb einzubinden, die sich in dem klassischen Rollengefüge (Orchester = aktiv, Zuschauer =passiv) nicht wiedererkennen, die andere Bedürfnisse bei der Wahrnehmung von klassischer Musik haben. Die junge norddeutsche philharmonie möchte auch den Personen mitreißende Konzerterlebnisse ermöglichen, die an einer offenen, neugierigen Form der Wahrnehmung interessiert sind. Gleichzeitig möchten wir mit Konzerten wie „111 Musiker“ Impulse für die Zukunft des klassischen Konzerts setzen. Unser Dank geht vor allem an die Aventis Foundation, die mit ihrer Unterstützung dieses Konzert ermöglicht hat.

Comment

There is no comment on this post. Be the first one.

Leave a comment