c-Moll – G-Dur – c-Moll!! Stille.

Soeben ist der erste Satz einer der bekanntesten Sinfonien der klassischen Musikliteratur im fortissimo verklungen. Der Schlussakkord hallt nach und man möchte seine Begeisterung herausrufen und kräftig applaudieren: Anerkennung für den Komponisten, Anerkennung für die Musiker, Anerkennung für den Dirigenten, Vorfreude auf den zweiten Satz der 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven – all das bricht heraus. Gerne gesehen ist es allerdings nicht. Abschätzende Blicke von der Seite, ein vereinzeltes „Schschscht!!“ und aufgeregtes Flüstern – die Unruhe legt sich, das Konzert wird fortgesetzt.

Der klassische Konzertbesuch ist ein Ritual. Das Hemd ist frisch gebügelt, der Sonntagsrock wird rausgekramt, die teuren Schuhe werden poliert. Frisch geduscht und mit senkrechter Haltung lässt man den Alltag zurück, um sich in eine Parallelwelt zu begeben. Nahezu gläubig wird an Traditionen festgehalten, deren Sinnhaftigkeit sich dem „weniger erzogenen“ Publikum nicht erschließt. Warum kann ich mich während des Konzerts nicht auf meine Knie stützen, ohne eisige Blicke zu spüren, die meine Lässigkeit bestrafen? Wie können ein sauberes T-Shirt und die teuerste Jeans aus meinem Schrank nicht tauglich sein, um ein gleichwertiger Teil des Publikums zu sein? Und wer hat eigentlich die ungeschriebene Regel zu verantworten, nach der ich nicht klatschen darf, wenn ein krachender Schlussakkord mein Innerstes berührt und ich mich bedanken möchte?

Aus der Sicht des Nicht-Musikers gipfelt die Entstehung und Interpretation von Musik in der Präsentation derselben – einem Konzert. Durch unsichtbare und künstlich erzeugte Hürden ist die Teilnahme, beziehungsweise der Besuch dieses Konzerts jedoch unter Umständen mit negativen Gefühlen wie Überwindung, Angst vor dem eigenen Fehlverhalten und Unverständnis für Abläufe und „Regeln“ verbunden. Die Folge ist der Ausschluss bestimmter Personengruppen, die nicht bereit sind, diese Hürden zu überschreiten – der klassische Konzertbetrieb läuft Gefahr, zu einem Ereignis zu werden, das den Bedürfnissen von wenigen entspricht und gleichzeitig viele ausgrenzt. Genaue Zahlen über die Wahrnehmung von und die Partizipation an klassischer Musik hat die Koerber-Stiftung hier veröffentlicht.

Diese Problematik wird in der Klassik-Welt zunehmend berücksichtigt. Ein wöchentliches Lunchkonzert in der Berliner Philharmonie, eine gemütliche Atmosphäre bei der arte Lounge, die Casual Concert Lounge des DSO Berlin und vieles mehr. Alle gehen den Weg der erweiterten Akzeptanz für ein „freieres“ Publikum und entwickeln neue und alternative Konzertformate, die auch die Konzert-Bedürfnisse des „unerfahrenen“ Publikums befriedigen.

Die Menschen wollen ins Konzert gehen, sie wollen Musik hören, sie wollen begeistert klatschen, sie wollen ihren Freunden davon erzählen und sie wollen das alles erleben, ohne dabei Vorgaben befolgen zu müssen. Sie möchten kein Korsett verpasst bekommen, in dem sie nicht frei atmen und genießen können. Jeder besucht das Konzert so, wie er das am besten kann. Der Eine mit Jeans, der Andere mit Anzug, der Eine klatscht, wenn er das für geeignet empfindet, der Andere entlädt sich seiner Begeisterung erst am Ende des Werks.

Die junge norddeutsche philharmonie beteiligt sich aktiv an dieser Entwicklung, denkt Ideen weiter und möchte durch die Entwicklung neuer Konzertformate auch jene abholen, die neugierig sind und sich bisher nicht trauten, kein Interesse hatten oder das Gebotene als nicht attraktiv empfanden. Am 02.08.2015 um 20 Uhr hat das Korsett ausgedient und wird vor der Arena Berlin abgelegt. Kommt vorbei und seid ihr selbst, dann wird das Konzert genau so, wie wir uns das vorstellen.

Infos und Tickets zu dem Konzert gibt´s hier.

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