Vorurteil Nr. 1: Lebensfremde Musiker

„[…ich bin] der Meinung, dass ich als Jugendlicher mindestens genauso viel von der Musik gelernt habe wie durch den Unterricht an der Schule. Wenn man ein Instrument spielen will, erfährt man viel über das Verhältnis aus Kreativität, Arbeit und Sorgfalt. Denn vor allem in der klassischen Musik heißt es erst mal: üben, üben, üben, stundenlang. Man muss das Handwerk beherrschen, aber gleichzeitig über dem Handwerk stehen. Denn wer die Sachen nur wie ein Affe nachspielt, wird nie tolle Musik machen. In der Wissenschaft ist es ganz ähnlich. Man muss die Technik verinnerlicht haben, bevor man sich fragen kann, was man damit eigentlich hinterfragen will.“ (Thomas Südhof, Hobbyfagottist und Medizin-Nobelpreisträger 2013)[1]

Ob ein Musiker erfolgreich ist, wird eigentlich in harten Fakten gemessen: Konzerte pro Jahr, Zuschauerzahlen, Einkommen, gewonnene Wettbewerbe, Reiseradius… Läuft die Karriere erfolgreich, stimmt in der Regel auch auf der Bühne die Leistung. Selten wird jedoch die Leistung gesehen, die – unabhängig von der Anerkennung Dritter – bis dahin erbracht wurde. Mit der musikalischen Ausbildung, die oft im Vorschulalter beginnt, wird parallel zu den wachsenden Fähigkeiten am Instrument, auch an der Persönlichkeit eines jungen Menschen gearbeitet. Fleiß, Durchhaltevermögen und Kritikfähigkeit sind Primärtugenden eines Musikschülers. Überzeugendes Auftreten inkl. Raumnutzung, Körperhaltung und Gang wird durch solistische Auftritte gefördert. Im Ensemble- bzw. Orchesterspiel sind wertschätzende Kommunikation und angemessene Kritik, Empathie und Toleranz sowie das Gelingen sekündlicher Hierarchiewechsel entscheidend: Folgen und Führen, Anpassen und Bestimmen, Zuhören und Vorangehen. Jederzeit bedeutet Musizieren eine konkrete Vision zu schaffen, zielorientiert zu arbeiten und ständig nach Verbesserungen zu streben. Wer seinen Arbeitsprozess nicht eigenständig strukturieren kann ist verloren. Kurz: Soft-Skill-Seminare können sich die meisten Musiker sparen.

Musizieren ist die perfekte Vorbereitung auf das Leben. Musik zu machen ist implizites Lernen, d.h. man lernt zu lernen. Ein erfolgreicher Musiker muss nicht auf der Bühne stehen, denn Musikersein ist eine innere Haltung. Jugend Musiziert, Auswahlorchester, Aufnahmeprüfung und Probespiel finden allesamt im Wettbewerb statt, aber der Weg ist das wichtigere Ziel.

Das Team der jungen norddeutschen philharmonie hat sich regelrecht zu einem Orchester im Hintergrund des Orchesters entwickelt, in dem der eine gern auf die Pauke haut und der andere seine Rolle im „tutti“ findet. Nicht alle Teammitglieder der jnp studieren ihr Instrument, aber alle haben eine intensive musikalische Vergangenheit, einen musikalischen Charakter und ein musikalisches Verhalten. Und sollte ein Teammitglied oder ein jnp-Musiker eine Luftveränderung suchen, dann wird es heißen:

„Erzählen Sie uns etwas über sich, haben Sie weitere relevante Kompetenzen für die Position, für die Sie sich bewerben?“

„Ich bin ein Lernprofi, habe Kommunikationsstärke, Präsenz und eine hohe soziale Intelligenz – weil ich in meiner Jugend viel Musik gemacht habe.“

[1] http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/41706

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Konstantin Udert

Konstantin Udert ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender der jnp. Nach einem halben Posaune-BA sowie viel Knabenchor, Geige und Klavier studiert er heute Politik und VWL in Berlin. Wenn er Zeit hat, spielt er Ultimate Frisbee, fährt Rad oder lernt Französisch.

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