Vom Instrumentalisten zum Dirigenten

Dirigieren lernt man nicht einfach so. Jeder Dirigent hat einmal mit einem Musikinstrument angefangen. Trotzdem widmen sich die besten Dirigenten ausschließlich dem Dirigieren. Es gibt zwar Dirigenten die auch hervorragende Instrumentalisten sind – wie z.B. Daniel Barenboim, Leonard Bernstein oder Sergei Rachmaninow die sehr gute Klavierspieler sind oder waren – die meisten konzentrieren sich allerdings aufs Dirigieren.

Was macht also die Arbeit des Dirigenten so besonders und was unterscheidet sie von der des Instrumentalisten?

Eine Sprache des Körpers

“Ein Pianist kann am Klavier üben, ich als Geiger konnte Geige üben, aber was macht ein Dirigent? (…) Ich habe nie in meinem Leben Bewegungen und Gesten des Dirigierens geübt, sondern ich habe die Partitur genommen und überlegt, was ich erreichen will, und dann kam alles andere von allein. Es muss in der Natur der Dinge liegen, was ein Dirigent mit seinem Körper macht.”. Eliahu Inbal.
Der Körper und die Hände sind das Werkzeug, mit denen der Dirigent den Klang eines Orchesters oder Chores formt. Jede Bewegung ist wichtig und hat eine andere Bedeutung, die der Musiker erkennen und für sein Instrument übersetzen muss. Es gibt keinen Dirigentencode oder ein Alphabet. Jeder Dirigent hat seine eigene Sprache und beeinflusst die Phrasierung und Dynamik auf seine Art. Eindrucksvoll auf die Spitze getrieben hat dies Leonard Bernstein in einem Konzert im Wiener Musikverein, in dem er das Finale der Sinfonie Nr. 88 von Haydn ganz ohne Hände dirigiert hat. Auf charmante Art und Weise führt er das Orchester ausschließlich mit seinem Blick und seiner Mimik durch den letzten Satz der Sinfonie.

Interpretation ist das Leitmotiv

Unumstritten ist, dass Dirigenten tiefes musikalisches Wissen und Erfahrung brauchen, um eine Interpretation entstehen zu lassen und den Wesenskern eines Stückes zu verstehen. Um die Bedeutung des Textes zu begreifen, muss der Dirigent die Partitur sorgfältig studieren. Nur so kann er die musikalischen Strukturen erkennen.
Jeder Dirigent hat seinen eigene Herangehensweise und schöpft damit auch ganz unterschiedliche Spielräume, die das Werk zulässt, aus. Was ein Instrumentalist für sich selbst tut, muss der Dirigent für ein ganzes Orchester oder Chor entwickeln. Er kennt das Stück meist auswendig und setzt sich mit Meisterwerken tief auseinander. Geht bei soviel Analyse nicht der Zauber der Musik verloren? Bestimmt nicht sagte einmal die berühmte Kompositionslehrerin Nadja Boulanger: „Man soll niemals zögern die Musik zu analysieren, denn je mehr man sie analysiert, desto mehr vertieft sich das Geheimnis.“

Ein Dialog mit den Musikern

Mehr als ein „Herrscher“ ist der Dirigent „Primus inter pares“. Er muss im Orchester etwas Positives bewirken, damit ein Dialog mit den Musikern entstehen kann.
Die meisten Dirigenten haben sicher ihr klares Konzept des Werkes, sie sind aber auch offen für Anregungen der Musiker. „Beim Orchesterdirigieren muss man dezidierter führen, aber das offene Zuhören ist dennoch das Wichtigste.” sagt der Dirigent Titus Engel.
Im Idealfall sollte der Dirigent alles können, von Komposition und Klavier über Blasinstrumente bis hin zu Streichinstrumenten, aber das passiert in der Realität kaum. Deshalb ist diese Kooperation und das Verständnis mit den Musikern so wichtig. Sie müssen sich gut verstehen, sodass das Konzept des Dirigenten von den Musikern gut umgesetzt werden kann, und deswegen ist die Klahrheit der dirigentischen Kommunikation auch so wichtig.

Und eines haben dann Instrumentalisten und Dirigenten doch gemeinsam, denn ihre Zusammenarbeit führt zum gleichen Ziel: das Publikum mit der Musik zu berühren.

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Floriane Schroetter

Floriane Schroetter absolviert von März-August 2016 ein Praktikum bei der jnp. Sie studiert Public Affairs mit dem Schwerpunkt Kulturmanagement im zweiten Masterjahr an der Sciences Po in Paris. Floriane spielt in verschiedenen Studentenorchester Geige und überzeugt neben einer enormen Sprachbegabung auch mit Reaktionsschnelligkeit am jnp-Kicker.

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