Mach dich mal locker!

„Mach dich locker!“ möchte man dem älteren Herren in der 3. Reihe manchmal zurufen, der mit hochrotem Kopf das Räuspern unterdrückt, unruhig auf dem Stuhl hin- und herrutscht, immer wieder auf die Uhr sieht und beim vorletzten Ton des Konzerts fluchtartig den Saal verlässt. „Knopf auf, Ärmel hoch, Bier statt Sekt, Second Screen, Virtual Reality… Lass dir was einfallen. Das ist ein Konzert. Das ist ein Erlebnis. Erlebe es. Sei wie du bist und lass die anderen anders sein.“ Das klassische Konzert ist ein streng gestricktes Format. Mutig vorangehen ist im Trend und immer neue Ideen, das klassische Konzert anders zu gestalten, sprießen frühlingshaft hervor. Doch noch immer fehlt vielfach in traditionellen Besucherkreisen die Toleranz, diese Veränderung zu akzeptieren und sie als gleichwertigen Teil der klassischen Musik zu sehen. Sie wird als Event „beschimpft“, als Bedrohung der Tradition gefürchtet und als Herabstufung der Rezeptionsqualität gesehen.

Publikumsorientierung und künstlerische Qualität schließen einander nicht aus

Öffentliche Mittel für Orchester und Kultur im Allgemeinen sinken oder versiegen – woher also Geld bekommen? Erwirtschaften? Mit Musik? Wohl kaum. Und Wirtschaft ist nichts für die Kunst. – Außer man wagt den Schritt, der lange Zeit nahezu so unmöglich und verboten schien, wie das Aussprechen des Namens des dunklen Magiers in Hogwarts: Der Schritt auf das Publikum zu. Publikumsorientierung. Stehen künstlerische Freiheit und Qualität nicht im krassen Gegensatz dazu?! Nein. Schon Goethe wusste, wie wichtig es für die kreative Entwicklung neuer Horizonte ist, sich nicht auf einer bequemen, durch den Staat zur Verfügung gestellten Finanzierungscouch niederzulassen, sondern das Publikum anzuhören und sich davon inspirieren zu lassen. „Nichts ist für das Wohl eines Theaters gefährlicher, als wenn die Direktion so gestellt ist, dass eine größere oder geringere Einnahme der Kasse sie persönlich nicht weiter berührt und sie so in der sorglosen Gewissheit hinleben kann, dass dasjenige, was im Laufe des Jahres an der Einnahme der Theaterkasse gefehlt hat, am Ende desselben aus irgendeiner anderen Quelle ersetzt wird. Es liegt einmal in der menschlichen Natur, dass sie leicht erschlafft, wenn persönliche Vorteile oder Nachteile sie nicht nötigen“ (Quelle: Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe, München 1976, S. 580 f.). Publikumsorientierung und künstlerische Qualität schließen einander folglich nicht aus, sondern sie bedingen sich vielmehr. Und bedeutet die Annahme, dass künstlerische Qualität und Publikumsgeschmack sich einander ausschlössen im Umkehrschluss nicht, dass ein Konzert, das ohne Weiteres sein Publikum findet, nicht gut sein kann? Macht man sich das bewusst, kommt man nicht umhin, eine unterschwellige Verachtung der „zahlenden Kundschaft“ gegenüber zu erkennen und es bleibt ein G’schmäckle. Publikumsorientierung bedeutet nicht, die Wünsche des Publikums bedingungslos zu erfüllen. Vielmehr bedeutet sie, dass ein Angebot immer mit größter Anstrengung und Sorgfalt erarbeitet wird und die Rezeption in Bezug auf barrierefreien Zugang, Verständnis, Aktualität und moderne Ästhetik mit einschließt.
Die junge norddeutsche philharmonie bietet genau das: Aktuelles, an den Bedürfnissen und Erwartungen der Klassikszene und des bestehenden und potentiellen Publikums orientiertes Programm. Eigenständige und kreative Entwicklung eines modernen Konzertprogramms, das die herkömmliche klassische Musik keinesfalls vernachlässigt, ihr aber zuweilen ein frisches Hemd überzieht, einmal durchlüftet und ein neues Deo empfiehlt. Mit #freesextett und allen folgenden Projekten der akademie der jungen norddeutschen philharmonie spielen wir Zahnarzt und reparieren den Zahn der Zeit, der an den Wurzeln der Tradition nagt. Ob der neue Look gefällt, entscheiden unser Publikum und die meinungsbildenden Maßnahmen eines gesunden Marketings im Vorfeld.

Vielfalt ist Trumpf!

Die Entwicklung des klassischen Konzerts ist eine Entwicklung wie jede andere auch. Mode, Sprache, Politik, Natur, Technik – alles verändert und entwickelt sich und wird immer neuen Ansprüchen gerecht. Diese Entwicklungen sind immer die Konsequenz aus den Veränderungen der gesellschaftlichen und der individuellen Bedürfnisse. Das Konzert wird zum Event!? Doch gilt es zu beachten, dass auch die Mode immer Mode bleibt und die Sprache immer Sprache – lediglich die Voraussetzungen sind andere. Gilt das nicht auch für das Konzert? Bleibt das Konzert nicht schlichtweg ein Konzert? Die Entwicklungen der letzten Jahre sind seine eigenen und keine Anzeichen für den Wechsel des Aggregatszustandes. Nur, weil sich der Charakter des Konzerts ändert und weil es vielfältiger wird, ist es nicht auf einmal etwas völlig Neues. Zweifelsohne kann ein Konzert ein Event sein, jedoch ist es immer noch ein Konzert – ein Konzert, das stark abweicht vom klassischen, traditionellen und bekannten Konzert. Na und? – Niemand wird dazu gedrängt, sich dem Erlebnistrend zu beugen. Es wird immer traditionelle Konzerte für klassische Musik geben, aber in Zukunft wird es eben auch andere Konzerte geben. Die eine Variante wird sich etablieren und eine andere bleibt eine Eintagsfliege. Aber unterm Strich kann man doch sagen: Vielfalt ist Trumpf! Und die jnp spielt mit offenen Karten und ein paar Assen im Ärmel.

Bild ©LeonardHigi

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Jonas Arndt

Jonas ist seit 2015 Konzertmanager der jungen norddeutschen philharmonie. Nach der Schulzeit in Österreich verschlug es den gebürtig norddeutschen nach Berlin. Physik, Cello, Kulturmanagement - als Indiana Jones der jnp auf der Suche nach dem verlorenen Schatz.

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