„Es gibt Musiker und es gibt Nicht-Musiker”

Als Solist des diesjährigen Jubiläumsprojekts der jungen norddeutschen philharmonie hat Fazil Say das Publikum mit seiner außergewöhnlich intensiven Spielart begeistert. Der türkische Pianist wurde vom französischen Figaro kürzlich als “einer der großen Künstler des 21. Jahrhunderts” bezeichnet. Während einer Autofahrt von Hamburg nach Rostock hatten wir die Gelegenheit ihm einige Fragen zu stellen.

Der Pianist Fazil Say. Foto: Marco Borggreve
Der Pianist Fazil Say. Foto: Marco Borggreve

jnp: Herr Say, was haben Sie schon von der jungen norddeutschen philharmonie gehört?

Fazil Say: Ich finde die Eigeninitiative der jungen Orchestermusiker der jungen norddeutschen philharmonie sehr toll. Dass das Orchester von Musikern organisiert wird und die Musizierenden an allem teilhaben ist gut. Ich habe einen ähnlichen Chor in der Türkei, der keinen Chefdirigenten hat. Für die Projekte sucht der Chor die Programme und den Chefdirigenten immer wieder selber aus. An der Organisation einer Konzerttour arbeitet dadurch jeder mit und jeder ist dabei gleichberechtigt. So eine demokratische Struktur finde ich gut.

jnp: Die Orchestermitglieder der jungen norddeutschen philharmonie sind Musikstudierende auf ihrem Weg zur Karriere als professionelle Musiker. Was waren Ihre größten Herausforderungen auf dem Weg zum Profi-Musiker?

Fazil Say: Der Begriff Profi-Musiker ist ein falscher Begriff. Es gibt Musiker und es gibt Nicht-Musiker. Profi oder Amateur spielt dabei keine Rolle. Ich kam zum Studieren nach Deutschland als ich 17 Jahre alt war. Nach dem Studium in Düsseldorf musste ich an vielen Wettbewerben teilnehmen, um Konzerte spielen zu können und meinen Namen bekanntzumachen. Wenn man ein No-Name ist, muss man sehr viel Eigeninitiative beweisen. Für Pianisten geht der Weg dabei über Wettbewerbe. Um einen Wettbewerb zu gewinnen, muss man wirklich fantastisch spielen. Wenn die Jury fair ist, kann man gewinnen und dann liegt alles in den eigenen Händen.

jnp: Gab es einen Punkt, an dem Sie mit Ihrem Leben was anderes machen wollten, als Pianist zu werden?

Fazil Say: Nein, es gab keinen solchen Moment. Aber es gab natürlich Punkte, an denen ich dachte, es wird nichts. Als ich 24 Jahre alt war, konnte ich finanziell kaum überleben und musste für zwei bis drei Jahre an der Hochschule Unterricht geben. Das war schwierig, aber nachdem ich einen Wettbewerb gewann, hat sich alles geändert. Da war ich dann an einem Punkt angekommen, an dem die Sache in meinen eigenen Händen lag und ich Schritt für Schritt alles alleine schaffen konnte.

jnp: Gibt es einen Ratschlag, der Ihnen auf Ihrem Weg geholfen hat, den Sie an unsere Musiker weitergeben können?

Fazil Say: Da gibt es ehrlich gesagt keinen Ratschlag. Es gibt Probespiele und wenn ein Orchester eine freie Hornstelle hat, dann kommen eben 150 Hornisten aus aller Welt. Welche Ratschläge soll man da geben? Mitmachen ist dann alles. Und manchmal reicht es auch nicht am besten zu spielen, wenn die Jury oder Kommission eine andere Meinung hat. Man muss auch Glück haben.

jnp: Sie haben mal gesagt, dass Noten 20 Prozent der Musik ausmachen, die im Konzert zu hören ist. Woraus bestehen die anderen 80 Prozent?

Fazil Say: Sagen wir so, man kann ein Stück von Chopin natürlich einfach nach Noten spielen. Chopin hat in seinen letzten Jahren komponiert, als er wusste, dass er an Tuberkulose sterben wird. Er war so schwach, dass er kaum Klavier spielen konnte und komponierte, sagen wir, eines Morgens an einem verschneiten Tag noch vor dem Sonnenaufgang in Paris. Und dann spürt man in der Musik plötzlich, dass er Sehnsucht hatte nach seiner Kindheit in Polen. Dieses polnische, folkloristische Motiv spürt man als Interpret auch 200 Jahre später noch. In diesem Sinne ist die Farbe der Musik dann mehr als ein g-Moll Klang. Das meine ich mit 80 Prozent. Diese Farben sind ein Gefühl von Musik. Du drückst eine Taste auf dem Klavier, aber es stecken 15 Milliarden verschiedene Klänge in einem einzigen Ton. Und diese Musik, die jedes Mal anders ist, weil sie mit der Seele des Interpreten zu tun hat und mit der Seele des Komponisten zu tun hat, ist so viel mehr als das einfache Notenbild. Ohne Notenbild kann man nichts machen, das braucht man und das muss man auch korrekt spielen. Aber man muss wissen, warum man Musik macht. Das muss man sich selber beantworten und das macht auch diese 80 Prozent aus.

jnp: Aus welchem Grund machen Sie Musik?

Fazil Say: Ich kann mir nichts anderes vorstellen, als Musik zu machen. Das mache ich so lange, wie ich denken kann. Das ist mein Leben. Ich fühle mich gut mit guter Musik und ich fühle mich schlecht mit schlechter Musik – meiner eigenen und von anderen genauso.

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Ellen Brinkmann

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