Vorbereitung auf ein Orchesterprojekt

Vorfreude ist immer die schönste Freude, war das nicht schon immer so? Mit 16 habe ich das erste Mal Landesjugendorchester gespielt. Das war damals das Größte, was ich mir jemals vorstellen konnte.

Meine Schulferien zu opfern, um mit gleichgesinnten Verrückten zwei Wochen lang ein Werk zu proben und in kleinen Tourneen die Leute musikalisch zu erfreuen.

Man wird ja bekanntlich auch älter – vermutlich wäre das Landesjugendorchester jetzt für mich mit 23 Jahren nicht mehr das Größte, was ich mir vorstellen kann. Die junge norddeutsche philharmonie als überregionales Studentenorchester kommt der Sache jedoch schon sehr nahe! Keine drei Wochen vor dem Projektbeginn beginnt die heiße Phase für den Musiker. Die Vorbereitung auf eine Arbeitsphase hängt immer sehr stark mit dem dort zu spielenden Programm ab. Je später das Stück geschrieben wurde, desto komplexer ist es, von Rhythmus bis hin zu Besetzung. Das heißt natürlich nicht, dass es ein Leichtes wäre, eine Bach Suite mit Orchester zu spielen anstatt einer Mahler Sinfonie, aber die Vorbereitung ist doch eine sehr andere.

In diesem Fall steht ‚Le Sacre du printemps‘ auf unseren Notenpulten.

Bei vielen Musikern und auch manch einem Dirigenten kann das den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Das Stück stellt rhythmisch mit eines der anspruchsvollsten Orchesterwerke dar, die in den letzten 100 Jahren komponiert wurden, gerade da es so unglaublich groß besetzt ist. Damit ein Orchester mit dermaßen vielen Musikern gut als Ganzes funktioniert, muss jeder Musiker einzeln funktionieren. Jeder Musiker muss mit seiner Stimmgruppe eins sein. Und wenn alle Stimmgruppen eins werden, hat man ein wahnsinnig flexibles Orchester.

Man kann ein Orchester gut vergleichen mit verschiedenen Situationen im Straßenverkehr. Auf dem Rennrad bin ich sehr flexibel, ich möchte anhalten, sofort halte ich an. Fahre ich in einer Lastwagenkolonne den letzten Lastwagen und der Erste bremst sehr plötzlich ab, muss ich wahnsinnig aufmerksam sein, um nicht in meinen Vordermann hineinzufahren. Wären jedoch alle LKWs gleichzeitig in der Lage zu bremsen und übertrüge man dieses Bild auf ein Orchester, dann bestünde die Möglichkeit auf einen unglaublichen Konzertbesuch. Aber wie bekomme ich eine solche Wucht in ein Orchester?

Das entscheidendste an einer Arbeitsphase ist immer die Arbeit DAVOR. Das gilt natürlich für die Organisation etc., aber vor allem auch für die Musiker.

Oftmals denkt man sich „Naja, das wird schon laufen. Wir sind ja gute 2 Wochen zusammen, ich schau es mir da mal an, wir haben ja genug Proben“. 

Ja, und genauso wird es dann auch. Es wird eben irgendwie schon laufen, aber richtig, richtig gut wird es nur, wenn jeder einzelner davor sich reinhängt, damit man in der Probenarbeit direkt damit anfangen kann, Stimmgruppen zu einem großem Ganzen werden zu lassen.

Wie bereite ich mich auf eine Phase vor? 

Natürlich gibt es nicht den einen Weg, der immer richtig ist. Es gibt viele verschiedene Übe-Parameter. Ich würde hier die anführen, die ich selbst benutze, um mich möglichst optimal vorzubereiten.

Zuerst einmal höre ich mir das Stück an und lese nur meine Noten mit. Und zwar nicht so nebenher beim Kochen, sondern richtig konzentriert, als müsste man selber gleich einsetzen. Anstreichen, wenn man an einer Stelle rausfliegt oder anders eingesetzt hätte. Nach dem Durchhören, die angestrichenen Stellen noch einmal anschauen und trocken auf Rhythmus üben. Dabei sind Wortlaute wie „da-la-di-ra- dam“ oder „ta-ta-ta-pmpf“ nicht unüblich. Zum zweiten Mal durchhören mit besonderem Augenmerk auf die eben angestrichenen Stellen. Nun hat man schon einen sehr guten Überblick über das Stück und geht mit seinem Instrument an die Sache ran. Und da kommt das langweilige Metronom ins Spiel. Im Orchester ist es meiner Meinung nach weniger schlimm, wenn man einmal einen falschen Ton spielt, als wenn man etwas zur falschen Zeit oder im falschen Rhythmus spielt. Natürlich sollte man auch keine falschen Töne spielen, aber rhythmisch gegen andere zu sein, kann in einem Orchester alles auseinanderbringen. Einmal ein falscher Ton, kein Ding. Keiner ist perfekt. Aber drei, vier Takte unsicher in einem anderen Tempo mitspielen, fatal.

Bei so einem Stück wie Sacre ist es allerdings eine Herausforderung mit Metronom zu üben. Ständige Tempowechsel, zum Teil taktweise ändernde Taktarten. Trotzdem ist es möglich und an vielen Stellen sogar unabdingbar abzugleichen, ob man zusammen mit dem Metronom spielt. Und zwar beim ersten Üben alles deutlich unter Tempo. Danach kommt die technische Seite.

Ist ein Takt aufgrund von sehr vielen schnellen Noten oder Griffverbindungen in bestimmten Kombinationen besonders schwierig, muss ich ihn natürlich genau so üben, wie in Solo Literatur.

Langsam, anders rhythmisiert als notiert, rückwärts, andere Artikulation, dergleichen bekannten Späße.

Ich höre mir nun ein drittes Mal das Stück an, kenne nun schon die schwierigen Momente sehr gut und singe mit. Gerade ‚Le Sacre du printemps‘ ist eine dermaßen rhythmische Meisterleistung, dass man nicht darum herumkommt einmal den Rhythmus mitzusprechen. Kann man etwas nicht sprechen, kann man es auch nicht spielen. Sehr zu empfehlen sind zudem während dem Hören und Mitlesen kleine Dirigierbewegungen. Wenn man einmal als Musiker grob das Schlagschema schwieriger Takte durchschaut hat, wird man später im Orchester selbst keine Probleme haben zur richtigen Zeit zu spielen. Man muss nicht ausgebildeter Dirigent sein um einen 5/8 Takt schlagen zu können. Das macht ehrlich gesagt auch Spaß. Klingt ziemlich nerdig, sich alleine mit Kopfhörern hinzusetzen, Noten mitzulesen und seine eine Hand sinnlos durch die Luft zu bewegen. Vielleicht das also nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln ausprobieren.

Danach kommt der schönste Teil am üben. So laut es geht die Stereo Anlage aufdrehen und einmal das Stück zur CD mitspielen. Sollte man Nachbarn haben, die das nicht so nett finden, kann man sich auch prima einen Kopfhörer aufsetzen, der auf einem Ohr ganz und auf dem anderen zur Hälfte aufsitzt.

Es ist nicht zwingend notwendig jeden Einsatz in der Partitur eines Orchesterwerks nachzuschlagen und sich mit Bleistift in die Noten einzutragen. Sollte man jedoch immer an derselben Stelle stolpern empfiehlt es sich dennoch. Ist man dann in der Lage rhythmisch alles mitzusprechen und hat dazu die technisch schweren Stellen drauf, die die Anforderungen an das eigene Instrument stellen, steht einer wahnsinnig erfüllenden Orchesterarbeit nichts mehr im Wege.

Holt den Bleistift raus, schreibt euch Striche bei anspruchsvollen Passagen drüber um die rhythmischen Schwerpunkte im Takt visuell noch einmal hervorzuheben. Das ist ganz und gar nicht peinlich. Peinlich ist es, im Konzert aus Eitelkeit falsch zu spielen. Und ganz wichtig: Rhythmus sprechen, sprechen, sprechen und dann erst üben.

Sacre und die jnp können auf Tour live erlebt werden: zu den Events

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Simeon Overbeck

Simeon ist seit 2013 Solo-Oboist der jungen norddeutschen philharmonie. Den gebürtige Münchener und Fan des ebendort ansässigen Fussballvereins verschlug es zum Studium in den Norden. Nach seinem ersten Abschluss an Musikhochschule Lübeck, befindet sich Simeon nun im Masterstudiengang der Hanns Eisler Berlin.

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