Ein Blick nach nebenan

Was können Jazz-Musiker, was Klassiker nicht oder zumindest nicht im gleichen Maße und genauso authentisch können? Nein, die Frage soll nicht auf die Präzision komplexer Rhythmen in modernen Kompositionen anspielen. Es geht viel mehr um ein Thema, das im Bereich der klassischen Musik mittlerweile allgegenwärtig ist: Musikvermittlung.

Wer ist die Zielgruppe?

Musikvermittlung ist aus dem klassischen Musikbetrieb nicht mehr wegzudenken, gilt es doch als eine Art letzte Phalanx, ohne welche die Branche restlos dem Untergang geweiht wäre. Also wird allerorts Musik vermittelt was das Zeug hält. Mal gut und mal weniger gut, hier voller Überzeugung und da mit dem einen oder anderen Motivationsloch im Orchestergraben. Aber mehr noch als Musik aktiv vermittelt wird, wird darüber geredet, dass Musik vermittelt werden muss. Man streitet darüber, was eigentlich unter diesem ominösen Begriff zu verstehen ist. Weiterhin geht es darum, verirrte Kritiker dieses Prinzips öffentlich zu bekehren. Noch weiter: Wer ist die Zielgruppe? Wie kann man das Ganze öffentlichkeitswirksam und nachhaltig gestalten? Reicht es, einzelne Musikvermittlungsprojekte zu machen oder muss sich am kompletten System der klassischen Aufführungsformen etwas ändern? Auf jede Veranstaltung mit musikvermittelndem Anspruch kommen gefühlt 20 Fachartikel, Aufsätze und Interviews zum Thema Musikvermittlung.

Die Hochzeitsgesellschaft 

Nebenan bei den Jazzern läuft das irgendwie ganz anders. Zum Beispiel konnte man das am 2. und 3. Juni 2016 im Planten und Blomen Hamburg erleben. Bei 18-20°C und einem Wechsel aus Sonne und leichtem bis kräftigen Regen – Hamburger Hochsommer – standen wieder die Jazz Open Hamburg vor der Tür. 10 Bands, insgesamt mehrere tausend Jazzfans, zufällig vorbei flanierende Parkbesucher und eine Hochzeitsgesellschaft als Akteure. Auffällig, dass viele der Flaneure eben nicht nur vorbei flanierten, sondern auch länger stehen blieben und interessiert der gespielten Musik lauschten. Dabei wurde keineswegs nur seichter und leicht verdaulicher Jazz gespielt. Die Location, die Nähe der Bands zum Publikum und zuletzt natürlich die Musik machten ganz offensichtlich nicht nur eingefleischten Jazzfans spaß. Als beim letzten Song der Band Pecco Billo plötzlich eine Hochzeitsgesellschaft zum Tanzen auf die Bühne stürmte, hatten nach einem kurzen Moment der Verwirrung alle Anwesenden Spaß daran (der Band unterstelle ich das an dieser Stelle einfach mal, wirklich gut zu sehen waren sie durch die ganzen Tanzenden nicht). Die Gäste dieser Hochzeitsgesellschaft – welche nicht unbedingt nach Schallplattenspieler und Miles Davis-Platten im heimischen Wohnzimmer aussahen – werden sich an diesen Spaß sicherlich erinnern. Beste Musikvermittlung, oder nicht? Natürlich ist so ein Moment reiner Zufall (ob der sich bei einem klassischen Konzert wohl überhaupt so ereignen könnte?), aber auch sonst mischten sich die verschiedenen Altersgruppen und diskutierten munter mit den Nebenleuten oder gratulierten am Bierwagen den Musikern nach einem Set zum gelungenen Auftritt.

Womöglich funktioniert das ganze so gut, weil sich die meisten Jazzmusiker keine Gendanken über erfolgreiche Musikvermittlung machen oder darum, dass die Jazzmusik so etwas überhaupt braucht. Viele Jazzer sind, wenn sie nicht gerade selbst auf der Bühne stehen, in erster Linie Fans dieser Musik und treten als solche in einen regen Austausch mit anderen Fans. Dadurch ist diese Musik so nahbar, dass sie gar keiner Vermittlung bedarf beziehungsweise diese frei nach dem Motto „nicht versuchen sondern machen“ ganz von alleine passiert.

Sammelbecken kreativer Strömungen

Aber nicht nur bei der Musikvermittlung kann die Klassikszene etwas vom Jazz lernen, sondern auch bei dem aktuell wieder einmal so beliebten Feld des „Crossover“. Denkt man bei Crossover in der Klassik häufig zuerst schaudernd an Lindsey Stirling oder CD-Titel wie „Mozart auf Kubanisch“, muss man beim Blick auf die Jazzszene den Begriff eigentlich anders definieren. Während in der Klassik gerne „fremde“ Stilmittel in klassische Formen gequetscht werden, traut man sich nebenan auf die Suche nach etwas Neuem zu begeben. So spielte zum Beispiel oben erwähnte Band Pecco Billo „Hip Hop Experimental Jazz“, während später der Finne Kalle Kalima gemeinsam mit seinem Trio Jazz mit Western und Country verband und in dieser Stilistik dann auch noch seine Interpretation von Sibelius’ Marsch der Jäger zum besten gab. Das kann nur so gut funktionieren, weil für viele ganz klar ist, dass es DEN JAZZ gar nicht gibt. Jazz ist nichts anderes als ein Sammelbecken kreativer Strömungen, die sich alle mehr oder weniger auf gemeinsame Traditionen beziehen. Daraus resultiert natürlich eine permanente Veränderung und Weiterentwicklung, ein Drang nach vorne, den man in der Klassikszene mancherorts leider sehr stark vermisst.

Neue Wege und Entwicklungen zu wagen, dabei die Begeisterung für klassische Musik in ungewohnte Ecken zu tragen und gleichzeitig auch noch ein neues Publikum anzusprechen, das sind die ambitionierten Ziele, die sich die junge norddeutsche philharmonie auf die Fahnen geschrieben hat. Das Gemeinschaftskonzert mit Wolf Kerschek und der NDR Bigband am 11. Juni 2016 auf Kampnagel in Hamburg war nur eins von vielen Konzerten, wo genau dies praktiziert wurde. Durch die Verflechtung der unterschiedlichen Musikstile wurde ein Bruch der Hörgewohnheiten gewagt, der sowohl den anwesenden Jazzfans die klassische Musik näherbrachte, als auch den Klassikliebhabern einen Einblick in die Jazzszene ermöglichte. Und ja, es war ein Crossover-Projekt, aber nicht im „klassischen“ Sinne. Der „Symphonic Jazz“ hat nicht nur dem Publikum etwas ungewohntes gezeigt, auch für die Musikerinnen und Musiker der „jungen norddeutschen“ gab es viel neues. Wolf Kerschek setzte bei seiner Probenarbeit zum Beispiel andere Prioritäten als es die meisten wohl aus Orchesterproben gewohnt waren, was zwar ein hohes Maß an Flexibilität erforderte aber auch eine enorme Energie in die Musik brachte.

Projekte wie dieses werden auch in Zukunft immer wieder ihren Platz im Kalender der jungen norddeutschen philharmonie finden, denn neben der tollen Musik bieten sie die Möglichkeit neue Dinge zu lernen, andere Sichtweisen auf Konventionen und Traditionen in der klassischen Musik zu entwickeln und dies dann mit in die „traditionelleren“ Projekte der jnp oder auch anderer Orchester mitzunehmen.

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Jan Geisler

Jan Geisler ist seit 2015 im Vorstand der jungen norddeutschen philharmonie. Der Weg seiner jnp-Tellerwäscher-Karriere begann im Frühjahr 2012 als Bierwart, mit Zwischenstation als Transporterfahrer ging es ebenfalls über das Vorstandsamt im Förderverein. Jan studiert Kulturwissenschaften in Lüneburg und ist Fan vom dortigen Regionalligisten LSK Hansa sowie passionierter Mini-Golfer.

2 thoughts on “Ein Blick nach nebenan”

  1. ich mag die Idee der Site.
    Und deshalb meine Kritik an der Eingangspassage (sorry, ich komme von der Texterei…):
    Musik zu vermitteln war schon i m m e r die Herausforderung und eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens von Musikern und Komponisten.
    Die neue Anforderung besteht meienr Meinung nach vielmehr darin, innerhalb eines gewaltigen multimedialen „Mitmachsystems“ zu bestehen und neue Kanäle der Ansprache u finden;
    beziehungsweise die die guten, alten einfach wieder zu nutzen.
    …wie es z.B. die Jazzer vormachen.

    1. Liebe Frau Steinfeltz,
      vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre ehrlich Meinung.
      Natürlich war es für Musiker und Komponisten schon immer wichtig ihre Musik „an den Mann zu bringen“. Jedoch ist der Begriff „Musikvermittlung“ mit seinem jetzigen Verständnis eine Erfindung der letzten Jahre. In der gleichen Zeit hat sich (in meinen Augen) der kritische Blickwinkel auf die Klassikszene verändert. Ich gebe Ihnen absolut recht, dass die neuen Kanäle und Medien den Institutionen unglaublich wichtige neue Aufgaben mitgeben und daraus neue Anforderungen entstehen, jedoch wird dadurch allzu oft die Kernaufgabe vergessen bzw. nicht in vollem Umfang beachtet: die Musik an sich. Wenn die Musik voller Lebendigkeit und Energie präsentiert wird, ist deutlich weniger Energie für die Vermittlung vonnöten. Und genau dieser Effekt ist meines Erachtens nach bei Jazz zu beobachten.
      Mit besten Grüßen
      Jan Geisler

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